So funktioniert Gegenpressing: Das machen die Top-Teams anders!
Es gibt einen Moment im Fußball, in dem eine Mannschaft besonders verwundbar ist – aber auch besonders gefährlich sein kann: die Sekunden direkt nach einem Ballverlust. Genau hier setzt das Gegenpressing an. Statt nach dem Ballverlust zurückzulaufen und sich zu ordnen, attackiert die Mannschaft den Gegner sofort und mit voller Intensität, um den Ball unmittelbar zurückzuerobern.
Das Gegenpressing – oft auch mit dem englischen Begriff „Counterpressing" bezeichnet – gehört zu den prägendsten taktischen Ideen des modernen Fußballs. Der Grundgedanke: Der Gegner ist im Moment des Ballgewinns selbst noch ungeordnet. Er hat gerade verteidigt, steht eng, und der ballführende Spieler muss den Ball erst kontrollieren. Genau diese Unordnung nutzt das Gegenpressing aus.
Der Unterschied zum normalen Pressing
Normales Pressing beschreibt das koordinierte Anlaufen des Gegners, während dieser bereits im Ballbesitz und geordnet ist. Das Gegenpressing dagegen setzt in einem ganz bestimmten Moment an: unmittelbar nach dem eigenen Ballverlust.
Dieser Unterschied ist entscheidend. Beim Gegenpressing zählt jede Sekunde. Reagiert die Mannschaft sofort – idealerweise in den ersten Sekunden nach dem Verlust –, trifft sie auf einen Gegner, der den Ball noch nicht sauber verarbeitet hat und dessen Mitspieler noch nicht anspielbar sind. Wartet die Mannschaft dagegen zu lange, hat der Gegner den Ball unter Kontrolle gebracht, Anspielstationen gefunden und kann in den freien Raum kontern. Dann kippt der Vorteil auf seine Seite.
Warum der Moment so wertvoll ist
Der Ballgewinn durch Gegenpressing hat einen doppelten Wert. Erstens: Er verhindert den gegnerischen Konter im Keim. Gerade wenn die eigene Mannschaft hoch aufgerückt war, wäre ein sauberer Ballgewinn des Gegners der Startschuss für einen gefährlichen Umschaltmoment. Das Gegenpressing erstickt diesen, bevor er entsteht.
Zweitens: Der Ballgewinn erfolgt oft hoch auf dem Feld, nahe am gegnerischen Tor – und gegen einen Gegner, der gerade noch verteidigt hat und offensiv ungeordnet ist. Das sind ideale Voraussetzungen für einen schnellen Abschluss. Nicht ohne Grund sagen viele Trainer, das Gegenpressing sei die beste Spielaufbauhilfe: Ein Ballgewinn in der gegnerischen Hälfte ersetzt einen langen Aufbau von hinten.
Die Voraussetzungen
Gegenpressing funktioniert nicht von allein. Es braucht mehrere Zutaten, die zusammenkommen müssen.
Konterabsicherung schon im Ballbesitz. Der wichtigste Punkt: Gutes Gegenpressing beginnt, bevor der Ball verloren geht. Die Mannschaft muss schon im eigenen Angriff so gestaffelt sein, dass nach einem Ballverlust genug Spieler in Ballnähe stehen, um sofort nachzusetzen. Steht die Mannschaft im Angriff zu weit auseinander, ist Gegenpressing unmöglich – dann fehlen die Spieler für den sofortigen Zugriff.
Enge Abstände. Nur wenn die Spieler in Ballnähe eng zusammenstehen, kann im Moment des Verlusts sofort Überzahl und Druck entstehen. Lieber ein paar Meter zu eng als zu weit.
Die richtige Einstellung. Gegenpressing ist eine Frage der Mentalität. Die Spieler müssen den Ballverlust als Signal verstehen, sofort zu attackieren – nicht als Moment, in dem man kurz innehält. Diese Bereitschaft, sofort wieder zu arbeiten, muss trainiert und eingefordert werden.
So trainierst du Gegenpressing
Am besten schult man das Gegenpressing in Spielformen, die den Ballverlust und die sofortige Reaktion immer wieder provozieren. Rondos eignen sich hervorragend: Bei einem 4 gegen 2 oder 5 gegen 2 wird nach jedem Ballverlust sofort umgeschaltet und der Ball zurückerobert. Die enge Form zwingt zur sofortigen Reaktion.
Auch kleine Spielformen auf Tore, bei denen nach einem Ballverlust eine festgelegte Zeit – etwa fünf Sekunden – zum sofortigen Zurückerobern gilt, schulen den Automatismus. Die Regel „fünf Sekunden zurückerobern, sonst zurückziehen" ist ein bekanntes Prinzip, das den Spielern eine klare Handlungsanweisung gibt.
Wichtig ist, das Gegenpressing nicht isoliert, sondern aus echten Spielsituationen heraus zu üben – denn nur so lernen die Spieler, den Moment des Ballverlusts als Auslöser zu lesen und gemeinsam zu reagieren.
Nicht immer die richtige Wahl
So wirkungsvoll das Gegenpressing ist – es ist kein Allheilmittel. Es kostet enorm viel Kraft, und es setzt voraus, dass die Mannschaft im Angriff gut abgesichert stand. Gelingt der sofortige Ballgewinn nicht, steht die Mannschaft oft offen, und der Gegner kontert in den freien Raum.
Deshalb gilt: Gegenpressing lohnt sich vor allem dann, wenn die Mannschaft im Moment des Ballverlusts gut gestaffelt und in Ballnähe zahlreich ist. Ist das nicht der Fall, ist das geordnete Zurückziehen die klügere Wahl. Die Kunst besteht darin, diesen Unterschied zu erkennen – und genau das macht guten Gegenpressing-Fußball aus.
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